Innehalten — Angriffszeit in Ann Orens “Piaffe”

Und heu­te, in unse­rer Inter­net­welt, in der alles auf digi­tal kodier­te Nach­rich­ten, Bil­der und Simu­la­k­ren redu­ziert ist, die augen­blick­lich von einem Men­schen zum ande­ren über­tra­gen wer­den, ler­nen wir in unse­rer Lei­den­schaft für ande­re Tie­re all die Ritua­le und Zau­ber, die sen­gen­de und necki­sche Prä­senz und die zere­mo­ni­el­len Ver­zö­ge­run­gen der Ero­tik.      

Ani­mal Bodies, Alphon­so Lin­gis

Impli­ziert unse­re Leib­lich­keit einen Anspruch auf Iden­ti­tät und Authen­ti­zi­tät? Kör­per sind den jewei­li­gen Herr­schafts­dis­kur­sen unter­wor­fen, zei­gen sich jedoch auch wider­stän­dig. Nur wie? Wie macht sich sowas bemerk­lich? Wie sieht die­ser Pro­zess aus? Mer­ke ich das selbst? Kann ich es bei ande­ren beob­ach­ten? Wie kön­nen wir uns ein­an­der nach­voll­zie­hen? Ann Orens ers­ter Spiel­film, das Expe­ri­men­tal-Dra­ma Piaf­fe (2022) insze­niert eine der­ar­ti­ge Selbst­er­mäch­ti­gung, vor allem durch klang­li­che und kör­per­li­che Phä­no­me­ne jen­seits visu­el­ler Domi­nanz. Wir beglei­ten die wider­stän­di­ge kör­per­li­che Intel­li­genz der Prot­ago­nis­tin Eva, wie die­se sie sich fort­lau­fend umor­ga­ni­siert. Akus­ti­sche Tex­tu­ren, ins­be­son­de­re Ver­zö­ge­run­gen, spie­geln nar­ra­ti­ve und affek­ti­ve Struk­tu­ren wider und for­men sie, im Umkehr­schluss, neu. Es ent­steht andau­ernd eine Begeg­nung zwi­schen Klang­ob­jekt und Cha­rak­te­ren, bezie­hungs­wei­se Zuschauer:innen. Die Innen­welt, die sonst nur ver­mu­tet wird, ist in Tak­ten, Ver­zö­ge­run­gen und Schwel­lun­gen leib­haf­tig erfahr­bar. Ähn­lich, wie hege­mo­nia­le Kräf­te uns andau­ernd unmerk­lich (oder sehr merk­lich) von allen Sei­ten umströ­men.

Die­ser Essay ist inter­es­siert dar­an, wie der Film Sub­jekt­wer­dung als Zusam­men­spiel von Zeit­lich­keit, Ver­kör­pe­rung und Gegen­ständ­lich­keit in einem Zwi­schen­raum außer­halb typi­scher kul­tu­rel­ler Bedeu­tungs­rah­men erfahr­bar macht. Nahe­zu alle Sze­nen in Piaf­fe spie­len an Orten die unter Fou­caults Begriff der Het­e­ro­to­pie fal­len: „Orte, die in die Ein­rich­tung der Gesell­schaft hin­ein­ge­zeich­net sind, sozu­sa­gen Gegen­pla­zie­run­gen oder Wider­la­ger, […] in denen die wirk­li­chen Plät­ze inner­halb der Kul­tur gleich­zei­tig reprä­sen­tiert, bestrit­ten und gewen­det sind, gewis­ser­ma­ßen Orte außer­halb aller Orte“ (Fou­cault 1967: Fünf­ter Grund­satz). In Piaf­fe sind es, das Ate­lier, der Kino­saal, die Psych­ia­trie, ein Reit­hof, Nacht­club, der bota­ni­sche Gar­ten und, ins­be­son­de­re der eige­ne Kör­per. Fou­cault schreibt: „Die Het­e­ro­to­pie erreicht ihr vol­les Funk­tio­nie­ren, wenn die Men­schen mit ihrer her­kömm­li­chen Zeit bre­chen“ (Fou­cault 1967: Vier­ter Grund­satz). Evas Eigen­zeit (vgl. Nowot­ny 1989: 8) ist unver­wech­sel­bar zu spü­ren, sie ent­zieht sich den Gren­zen von Dis­zi­plin und All­tags­lo­gik, auf die ein­zi­ge erdenk­li­che Wei­se: in Zwi­schen­räu­me. Der Film pro­du­ziert Prä­senz, „führt sie vor“ regel­recht (vgl. Gum­brecht 2004: 10).

Die Eröff­nungs­sze­ne von Ann Orens Piaf­fe schließt und öff­net mit einer sel­te­nen Nach­voll­zieh­bar­keit. Zual­ler­erst wird uns die Sicht durch die zwei Oku­la­re eines Kai­ser­pan­ora­mas in Groß­ein­stel­lung eröff­net (Abb. 1). Das Kai­ser­pan­ora­ma ist ein his­to­ri­sches Mas­sen­me­di­um wel­ches um die Wen­de zum 20. Jahr­hun­dert sei­ne Haupt­po­pu­la­ri­tät in Euro­pa fand, und bereits von Wal­ter Ben­ja­min (1935: 37) in sei­ner Funk­ti­on als Vor­rei­ter für die Rezep­ti­on des Films und sei­nem Fokus auf der „Dia­lek­tik der Ent­wick­lung“ erkannt wur­de. Das lag dar­an, dass der Rund­bild­ap­pa­rat um eine zylin­dri­sche Holz­ver­tä­fe­lung orga­ni­siert war. Jeder Besu­cher hat­te ein Ste­reo­skop vor sich in der Wand, hin­ter dem auto­ma­tisch ein­zel­ne Bil­der erschie­nen, kurz ver­harr­ten, und dann dem nächs­ten Platz mach­ten. Gezeigt wur­den haupt­säch­lich exo­ti­sche und für Nor­mal­bür­ger uner­schwing­li­che Rei­se­zie­le und Land­schaf­ten. Ein Umlauf dau­er­te meist eine hal­be Stun­de und Besu­cher blie­ben in der Regel für einen gan­zen Umlauf sit­zen.

(Abb. 1)

Bei Piaf­fe sind Die Welt der Far­ne hin­ter den Guck­lö­chern zu betrach­ten, wel­che wir aller­dings zunächst nicht sehen, da der Fokus auf dem Oku­lar und nicht auf dem Prä­pa­rat liegt. Was wir aller­dings unscharf ver­neh­men, sind die ers­ten drei Bewe­gun­gen der Bild­trom­mel, zusam­men mit dem akus­tisch-mecha­ni­schen Ansprin­gen des innen­lie­gen­den Uhr­werk­me­cha­nis­mus. Mit die­sem Moment möch­te ich die Grund­the­se die­ser Film­aus­le­gung begin­nen. Die Sze­ne schafft hier eine pro­duk­ti­ve Bezie­hung zwi­schen Maschi­ne und Nicht-Maschi­ne über die Mecha­nik der Akti­on, wel­che sich durch den gesam­ten Film zie­hen soll. Auf­grund der Tat­sa­che, dass das Oku­lar zwar visu­ell scharf ist, sich aller­dings nicht bewegt, wirkt es optisch unin­ter­es­sant. Direkt zu Beginn, dreht der Film das bestehen­de kul­tu­rel­le oku­lar­zen­tri­sche Regime um. Statt­des­sen regt der Reiz­ent­zug ande­re sen­so­ri­sche Kanä­le an und akti­viert ein hor­chen­des Gefühl nach innen, ver­mischt und poten­ziert durch die ver­blei­ben­den kul­tu­rel­len Asso­zia­tio­nen mit dem Guck­loch (vlg. Huhtamo 2006). Das trü­be, unschar­fe Prä­pa­rat hin­ter dem Oku­lar reprä­sen­tiert bereits jetzt den Kör­per und das uner­forsch­te Inne­re der Protagonist/innen.

Die Mecha­nik der Akti­on meint hier zunächst wie die Räder und Rie­men des Appa­ra­tes inein­an­der­grei­fen, um die Trom­mel wei­ter­zu­be­we­gen. Die­ser Mecha­nis­mus ist das ers­te zeit­lich-nar­ra­to­lo­gi­sche Ele­ment, das uns prä­sen­tiert wird und wir kön­nen ihm mit befrie­di­gen­der Bestän­dig­keit fol­gen. Zuerst wird es akus­tisch durch das Rau­schen und Rat­tern des Motors erkenn­bar, und dann, genau auf den Takt des drit­ten Dreh­vor­gangs, wird das Innen­le­ben der Maschi­ne im Bild­wech­sel offen­bart und visu­ell mit­ko­or­di­niert (Abb. 2). Die aura­ti­sche Appa­ra­tur, sowie die kör­ni­gen 16mm, sor­gen außer­dem für einen gro­ben, ana­lo­gen Cha­rak­ter, wel­cher die Erfah­rung zusätz­lich um hap­ti­sche und immersi­ve Dimen­sio­nen erwei­tert.

(Abb. 2)

Die nächs­te Kame­ra­ein­stel­lung zeigt das Getrie­be in der Fron­tal­an­sicht (Abb. 3). Es han­delt sich um einen Rie­men­an­trieb mit Über­set­zung. Das rech­te Rad dreht sich am schnells­ten. Es ist die Quel­le des kon­ti­nu­ier­li­chen Rau­schens, das wir von Beginn der Sze­ne hören. Das lin­ke Rad fun­giert als Zwi­schen­über­set­zung und bewegt sich lang­sa­mer, da der Leder­rie­men vom klei­nen Innen­rad rechts auf den gro­ßen Rand links eine gerin­ge­re Dreh­zahl über­trägt. Das obe­re Rad in der Mit­te dreht sich am lang­sams­ten, da es noch ein­mal durch den Über­set­zungs­me­cha­nis­mus ver­lang­samt wird. Die­ses Drei­er­ge­spann ist not­wen­dig, um den lang­sa­men Gleich­lauf­me­cha­nis­mus der Bild­trom­mel zu gewähr­leis­ten. Durch sei­ne redu­zier­te Dreh­ge­schwin­dig­keit setzt das obe­re Rad die Trom­mel nicht kon­ti­nu­ier­lich, son­dern im fest­ge­leg­ten Inter­vall in Bewe­gung, mit jeder Umrun­dung ein­mal, sobald der Zahn greift. Der Motor, der die Ener­gie bereit­stellt, befin­det sich unter­halb der Kon­struk­ti­on.

(Abb. 3)

Ich mache die­se aus­führ­li­che Erläu­te­rung aus zwei Grün­den. Ers­tens, ver­deut­licht eine der­ar­ti­ge Eröff­nungs­sze­ne den Fokus des Films auf pro­ze­du­ra­le und vis­ze­ral-mecha­nis­ti­sche Ebe­nen; Ver­kör­pe­rung sozu­sa­gen, einen Kör­per zu haben und ein Kör­per zu sein, und sein pro­prio­zep­ti­ves spür­ba­res Zusam­men­be­stehen zu erle­ben (vlg. Bergan­de 2020). Zwei­tens, erin­nert das Räder­werk aus drei sich über­schnei­den­den Rädern an Jac­ques Lacans bor­ro­mäi­sche Rin­ge. Ann Orens kom­men­der Film trägt den Namen objet a, und nimmt damit expli­zit Bezug auf Lacans psy­cho­ana­ly­ti­sche Theo­rie, wo das „klei­ne ande­re“ im Zen­trum der drei Rin­ge liegt, was eine kon­zep­tu­el­le Ver­bin­dung in Piaf­fe durch­aus plau­si­bel macht. 

Die bor­ro­mäi­schen Rin­ge stel­len bei Lacan ein topo­lo­gi­sches Modell zur Ver­an­schau­li­chung der Struk­tur des Sub­jekts dar (Abb. 4). Es han­delt sich um drei Rin­ge, die so mit­ein­an­der ver­kno­tet sind, dass beim Auf­lö­sen eines Rin­ges der gesam­te Kno­ten aus­ein­an­der­fällt (vlg. Hipfl 2009: 92).

Die drei Rin­ge ste­hen für die drei Grund­re­gis­ter der mensch­li­chen Erfah­rung: das Rea­le, das Ima­gi­nä­re, und das Sym­bo­li­sche. Um als Sub­jekt hand­lungs­fä­hig zu sein und eine gewis­se Kohä­renz und Sta­bi­li­tät der Iden­ti­tät zu erfah­ren, müs­sen die drei psy­chi­schen Regis­ter ver­knüpft sein.

Bri­git­te Hipfl beschreibt die sym­bo­li­sche Ord­nung als „die struk­tu­rie­ren­de Dimen­si­on der Spra­che und der sozia­len Bezie­hun­gen, die Aspek­te der Erfah­rung, die durch die je his­to­risch spe­zi­fi­schen Bedin­gun­gen in den Wer­ten, Regeln und Nor­men zum Tra­gen kom­men.“ (Hipfl 2009: 86) Damit geht auf der einen Sei­te eine iden­ti­täts­stif­ten­de Funk­ti­on und auf der ande­ren Sei­te eine unüber­wind­ba­re Kluft zwi­schen dem Sein und der Reprä­sen­ta­ti­on die­ses Seins ein­her.

Das ima­gi­nä­re Regis­ter ist das Regis­ter der Bil­der und der Vor­stel­lun­gen. Lacan beschreibt in sei­ner Abhand­lung zum Spie­gel­sta­di­um „wie das Klein­kind erst­mals die Erfah­rung einer eige­nen, ein­heit­li­chen kör­per­li­chen Iden­ti­tät macht, und begrün­det damit die zen­tra­le Funk­ti­on des Ichs, die im Ver­ken­nen besteht (vgl. Hipfl 2009: 88). Durch die Iden­ti­fi­zie­rung mit dem Spie­gel­bild kommt es nach Lacan zu einer Trans­for­ma­ti­on im Sub­jekt, da es sich als sein Bild erkennt und es als sein eige­nes aneig­net. Gleich­zei­tig wird die­ses Bild aber als etwas wahr­ge­nom­men, das außer­halb ist und das Sub­jekt „als Riva­len sei­ner selbst“ kon­sti­tu­iert (vgl. Evans 2002: 144). Mit die­sem Pro­zess sind also auch Gefüh­le der Riva­li­tät und Aggres­si­vi­tät gegen­über Ande­ren ver­bun­den, was sich in Kon­kur­renz gegen­über ande­ren Kör­pern nie­der­schlägt, die als Bedro­hung der eige­nen ein­heit­li­chen Iden­ti­tät erlebt wer­den kön­nen.

Das Rea­le in Lacan meint nicht was all­tags­sprach­lich als Rea­li­tät bezeich­net wird, die­se ist viel­mehr die Men­ge aus Sym­bo­li­schem und Ima­gi­nä­rem. Das Rea­le bezieht sich auf den Bereich der Natur, auf alles, was mit Leben und Tod zu tun hat. Dazu gehört auch der Kör­per in sei­ner rohen phy­si­schen Exis­tenz, nicht jedoch das ima­gi­nä­re Kör­per­bild (vgl. Evans 2002: 251). Das Rea­le

ent­spricht der exis­ten­zi­el­len Erfah­rung unse­res Seins und Wer­dens, die bestimmt ist von

sinn­li­chen Erleb­nis­sen und Stim­mun­gen. Das Rea­le kann nie voll­stän­dig sym­bo­li­siert wer­den, es bleibt immer ein Rest übrig.

Ich möch­te in die­ser Arbeit argu­men­tie­ren, dass die Prot­ago­nis­tin Eva (Abb. 5) ein Über­maß des Rea­len erlebt, wider­ge­spie­gelt in dem kon­stan­ten Rau­schen der Maschi­ne, des am schnells­ten dre­hen­den Rades in der Anfangs­sze­ne und im Fol­gen­den durch die sinn­lich-soma­ti­sche Greif­bar­keit der Moti­vik in Piaf­fe und ihrer vis­ze­ra­len Ton­ge­stal­tung. Eva ist selbst eine Geräu­sche­ma­che­rin (Foley), das ist ein Ton­tech­ni­ker der mit dem Kör­per und Objek­ten Geräu­sche erzeugt, um den Ton im Film zu ver­bes­sern, mit dem zugrun­de­lie­gen­den Ziel, die Zuschau­en­den davon zu über­zeu­gen, dass das, was sie auf der Lein­wand sehen, real ist. Eigent­lich ist es Evas Schwes­ter Zara die die­sen Job macht, doch auf­grund einer plötz­li­chen Ein­wei­sung in die Kli­nik, ist Eva gezwun­gen den Job zu über­neh­men. Es geht um einen Wer­be­spot für Psy­cho­phar­ma­ka in dem ein Pferd vor­kommt. Eva ist extrem schüch­tern und intro­ver­tiert. Wäh­rend sie anfängt die Geräu­sche für das Pferd zu erzeu­gen, wächst ihr ein Pfer­de­schwanz am eige­nen Kör­per. Der Film zeigt eine Abfol­ge von Ereig­nis­sen und emo­tio­na­len Ent­wick­lun­gen, dar­un­ter die Aus­bil­dung einer roman­ti­schen Bezie­hung zu einem Bota­ni­ker sowie die Eman­zi­pa­ti­on von ihrer Schwes­ter Zara, die inva­ria­bel mit den kör­per­li­chen Ver­än­de­run­gen ver­wo­ben sind.

(Abb. 5)

Ich möch­te die­se Selbst­er­mäch­ti­gung Evas, mit beson­de­rer Auf­merk­sam­keit auf die Zeit­lich­keit ana­ly­sie­ren. Dazu möch­te ich das Kon­zept der Angriffs­zeit (attack time) nut­zen. Ursprüng­lich ein Begriff aus der Psy­cho­akus­tik, Angriffs­zeit beschreibt die zeit­li­che Ein­schwing­pha­se eines Klangs. Es bezeich­net den Zeit­raum, den ein Schall­ereig­nis vom Beginn bis zum Errei­chen sei­nes maxi­ma­len Schall­druck­pe­gels benö­tigt. Signa­le mit kur­zen Angriffs­zei­ten klin­gen hart, per­kus­siv, und prä­gnant, zum Bei­spiel eine Hi-Hat beim Schlag­zeug, oder ein plo­si­ver Kon­so­nant wie ein ‚t‘ oder ein ‚k‘. Ereig­nis­se mit lan­gen Angriffs­zei­ten klin­gen weich, lang­sam anstei­gend, und schwe­bend, wie zum Bei­spiel Streich­in­stru­men­te, reso­nan­ter Bass, oder nasa­le voka­li­sche Lau­te wie ein ‚n‘. Wenn Jazz­gi­tar­ris­ten einen ‚laid-back‘ Klang erzeu­gen wol­len, spie­len sie mit den Fin­gern statt mit einem Plek­trum. Wenn ein Pro­du­zent ein ‚floa­ting feel‘ erzie­len möch­te, wählt er/sie einen Bass mit gedämpf­tem Angriff statt klar arti­ku­lier­tem. Musiker/innen aller Stil­rich­tun­gen und Gen­res tref­fen die­se Per­for­man­ce­ent­schei­dun­gen stän­dig, da sie intui­tiv wis­sen, dass eine Ver­än­de­rung der Angriffs­cha­rak­te­ris­tik eines Klangs sowohl die rhyth­mi­schen Eigen­schaf­ten als auch die Abstim­mung mit ande­ren Klän­gen in der musi­ka­li­schen Tex­tur ver­än­dert (vgl. Dani­el­sen et al. 2024).

Klän­ge mit län­ge­rer Angriffs­zeit bie­ten mehr Tole­ranz für Syn­chro­ni­sa­ti­on; Syn­chro­ni­sa­ti­on mit ande­ren Klän­gen, aber auch mit Ver­hal­ten wie Bewe­gung oder Kogni­ti­on, unter der Bedin­gung, dass wir wie Den­ken men­ta­le Pro­zes­se als hand­lungs­nah und ver­kör­pert ver­ste­hen. Piaf­fe prä­sen­tiert uns mit einer Fül­le an Takt­ge­bern, die sich für eine sol­che Syn­chro­ni­sa­ti­on anbie­ten. In der Anfangs­sze­ne, wenn zum ers­ten Mal die Prot­ago­nis­ten erschei­nen, zuerst Eva, dann der Bota­ni­ker, über­nimmt die ticken­de Wand­uhr die­se natür­lich-tem­po­ra­le Funk­ti­on (Abb. 6). Im Hin­ter­grund ver­nimmt man noch immer das Rau­schen des Antriebs­ra­des im ande­ren Raum. In die­ser Sze­ne wird auch direkt das Figu­ren­pro­fil eta­bliert und angriffs­zeit­lich unter­mau­ert. Eva bedient die Kas­se und säu­bert das Archiv­ma­te­ri­al. Sie haucht einen der Objekt­trä­ger an, um ihn mit einem Stoff­tuch sau­ber zu wischen. Akus­tisch gespro­chen, macht sie dabei ein auf­fäl­lig sanf­tes, fast stum­mes Geräusch, respek­tiv mit län­ge­rer Angriffs­zeit, als ihr Gegen­über der sein Münz­geld zwang­los in die Büch­se wirft, wobei ein kur­zes metal­li­sches Läu­ten ertönt.

(Abb. 6)

Ent­schei­dend, im über­tra­gen­den Sinn, ver­steht die­se Arbeit Angriffs­zeit und die mit ihr gela­de­nen Ereig­nis­se sowie die dar­aus im Ensem­ble resul­tie­ren­den Klang­land­schaf­ten nun als Affor­dan­ces für Hand­lung nach Gib­son, sowie akus­ti­sche Pro­jek­tio­nen jener. Dafür wer­de ich im Fol­gen­den Bei­spie­le ana­ly­sie­ren für die emo­tio­na­le und kör­per­li­che Ver­wand­lung der Prot­ago­nis­tin Eva, die kla­re Haupt­iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur in Piaf­fe. Men­schen durch­lau­fen Ver­än­de­run­gen in ihrem Leben, viel­leicht nicht das Wach­sen eines Pfer­de­schwan­zes, aber ein gewis­ses Erwach­sen­wer­den, oder ein Alt­wer­den, oder ein Anders­wer­den, all­da der Umgang mit der eige­nen Anders­ar­tig­keit, die Akzep­tanz die­ser und die Stär­kung, die dar­aus resul­tiert für das Sub­jekt und das Kol­lek­tiv­we­sen. Ich bin damit inter­es­siert an dem Ange­bots­cha­rak­ter sol­cher Umstel­lun­gen, sowie die teils kom­pli­zier­te Rea­li­sa­ti­on und Tra­jek­to­ri­en jener.

In die­sen Zusam­men­hang, der Titel des Films, Piaf­fe, bezieht sich auf eine Lek­ti­on der klas­si­schen Dres­sur. Als Dres­sur oder Abrich­tung wird die Aus­bil­dung von Tie­ren zu einem bestimm­ten Zweck bezeich­net. Bei der Piaf­fe han­delt es sich um eine soge­nann­te ‚ver­sam­mel­te Bewe­gung‘, bei der das Pferd eine trab­ar­ti­ge Bewe­gung auf der Stel­le aus­führt. ‚Ver­sam­melt‘ bedeu­tet hier, dass das Pferd sein Gewicht stär­ker auf die Hin­ter­hand ver­la­gert, die Hin­ter­bei­ne mehr unter den Schwer­punkt tre­ten, der Rücken auf­wölbt, und die Vor­hand dadurch frei­er wird. Die Ver­samm­lung ist ein hohes Aus­bil­dungs­ziel, das ein aus­ba­lan­cier­tes und selbst­tra­gen­des Pferd erfor­dert. Die Piaf­fe hat ihren Ursprung in der mili­tä­ri­schen Rei­te­rei, Sol­da­ten nutz­ten sie, um ihre Pfer­de ‚bei Trab zu hal­ten‘, wäh­rend sie an Ort und Stel­le war­te­ten. Die­se Fähig­keit war beson­ders in Kampf­si­tua­tio­nen wert­voll, wenn Pferd und Rei­ter schnell auf neue Befeh­le reagie­ren muss­ten. Heu­te ist sie der Höhe­punkt vie­ler Prü­fun­gen und wird oft als ‚Krö­nung der Ver­samm­lung‘ bezeich­net (vgl. Lacroix 2025).

Eva wird ein­gangs des Films noch eher des­po­tisch bestellt. Der lei­ten­de Wer­be­pro­du­zent ruft an: Wo ist mein scheiß Sound? (04:30) Die Sze­ne eröff­net mit einer Flur­auf­nah­me hin zu was mut­maß­lich Evas Zim­mer ist (03:56). Die Kame­ra­ein­stel­lung zeigt den tie­fen, schma­len, leicht schief­ge­stell­ten Gang, mit lan­ger Flucht, hin zu ihrer geöff­ne­ten Tür. Das schril­le Klin­geln des Haus­te­le­fons stellt ein exter­nes, akus­ti­sches Ele­ment dar, dem Eva sich rich­tet. Es ist Zaras Tele­fon, das sich in ihrem Stu­dio befin­det, doch Eva bewegt sich nur zöger­lich in des­sen Rich­tung. Zuerst bleibt sie beklom­men vor der Tür­schwel­le ihres Zim­mers ste­hen. Scheu blickt sie ent­we­der auf den Boden, oder späht zag­haft um sich, ob jemand da ist. Mit einen stak­si­gen Sprung über die Schwel­le rennt sie in Rich­tung des Klin­gelns. Man hört ihre Fuß­stap­fen und ihr abrup­tes Stop­pen kurz vor Zaras Zim­mer, von wo aus sie sich wie­der lang­sam dem Tele­fon nähert. Sie ver­hält sich wie ein jun­ges Foh­len.

Am Tele­fon ist Eva apo­lo­ge­tisch und ver­ängs­tigt; ihr Deutsch ist wort­karg und gebro­chen, der Pro­du­zent ist ein Arsch. Auf die Fra­ge wer denn da sei, stößt Eva nur zwei­mal von sich: „Es ist was pas­siert. Es ist was pas­siert“. Damit meint sie wohl das plötz­li­che Ver­schwin­den ihrer Schwes­ter. Sie „eini­gen“ sich auf ein Tref­fen um 16 Uhr, pünkt­lich, zur Über­ga­be des Sounds. Der sur­ren­de Auf­le­ge­ton hin­ter­lässt ein Gefühl der Unter­bre­chung und Unvoll­stän­dig­keit, in einer ähn­li­chen Rhyth­mik und Gel­tung wie das zuvor Gesag­te. Bei dem Blick auf die Uhr, löst das Ticken des Zei­gers den Auf­le­ge­ton ab. Das schnel­le­re und prä­zi­se­re Ticken der Uhr lei­tet die Sze­ne über zu Evas men­ta­lem und kör­per­li­chem Aus­schwär­men in den Raum, wo sie das ers­te Mal mit den Gegen­stän­den

im Stu­dio zu expe­ri­men­tie­ren beginnt.

Der Film spielt mit unzäh­lig vie­len sol­cher zeit­li­chen Sym­bo­li­ken, die immer auch die Zeit­er­fah­rung sowie deren Hand­lungs­an­ge­bot wider­spie­geln wol­len. Als Eva ihre Schwes­ter in der Psych­ia­trie besu­chen möch­te, ver­passt sie den ver­ein­bar­ten Ter­min und wird pein­lichst wie­der weg­zi­tiert. Die Kran­ken­schwes­ter zeigt auf ihre Arm­band­uhr und sagt sie sol­le es mor­gen noch­mal pro­bie­ren, aber ver­spre­chen kön­ne man nichts. Auch Evas Knie­fäl­le nüt­zen nichts. Im War­te­zim­mer zuvor hört man auch wie­der eine Uhr sowie das Zei­tungs­knis­tern der Sitz­nach­barn (Abb. 7). Der links liest Die Zukunft, bei dem rechts sieht man einen Schwarm Fische auf der Rück­sei­te. Die Kom­po­si­ti­on mit Eva in der Mit­te zwi­schen den bei­den älte­ren, sie phy­sisch klein wir­ken las­sen­den Män­nern, wirkt wie eine visu­ell gesetz­te Vor­aus­deu­tung eines spä­te­ren Sound­tracks aus abwech­seln­dem star­ken Bass und schnel­len kur­zen Cym­bals (20:03), in der Eva schon jetzt unwohl ist. Ein­mal guckt Eva in Rich­tung Uhr, kurz danach schreit der Kuckuck—wieder ver­passt. Die Kuckucks­uhr ruft höh­nisch auf unse­re Spott­dros­sel Eva hin­un­ter, die noch gera­de zuvor gucken woll­te wie spät es ist. Die Kran­ken­schwes­ter neckt Eva auf eine ähn­li­che zeit­macht­spie­le­ri­sche Wei­se. Sie spielt das Weg­zieh­spiel mit ihr, mit einer Tüte alter Sachen ihrer Schwes­ter. Hält die Tüte hin, und zieht sie weg. Hält die Tüte hin, und zieht sie weg. Hält die Tüte hin, und…. Eva bekommt es par­tout nicht hin, ihre Bewe­gung mit Ande­ren abzu­stim­men, geschwei­ge denn, eige­ne takt­ge­ben­de Impul­se zu set­zen.

(Abb. 7)

Der Wer­be­pro­du­zent geht beim Scree­ning genau­so scho­nungs­los mit ihrem ers­ten Sound­er­geb­nis um. Was soll das sein? Du sollst viel­leicht mal raus gehen, dir Tie­re angu­cken. L E B E N. Eine Maschi­ne hat das gemacht. Ich brau­che einen Men­schen. Was Eva in der Kli­nik aus der Tüte holt, ist die Arm­band­uhr ihrer Schwes­ter: auf der Innen­sei­te prangt ein getrock­ne­ter roter Blut­fleck, und ‚Zara‘ ist ein­ge­ritzt ins Metall (15:20). In die­ser Schlüs­sel­sze­ne kratzt sich Eva zum ers­ten Mal gedan­ken­los das Steißbein—genug Demü­ti­gung? Mit dem Blick auf die blu­ti­ge Uhr, ver­schwin­det Eva in Gedan­ken, zugleich die Musik in einen dröh­nen­den, schlep­pen­den Auf­takt über­geht. Es ist die nächs­te Sze­ne die bereits akus­tisch in die­se hin­ein­ragt in einer zeit­li­chen Über­lap­pung. Das wum­mern­de Geräusch, sehen wir dann, ist ein Pferd in einer Führanlage—Eva schaut sich auf dem Pfer­de­hof um.

Wie­der im Stu­dio, nach strei­cheln, kla­ckern, und ange­pisst wer­den, klappt es, wie von Zau­ber­hand, bes­ser mit den Geräu­schen. Eva scheint mehr in tune. Sie benutzt ihren gan­zen Kör­per, ihre Fin­ger sind flink, ihre Bewe­gun­gen rhyth­misch und intui­tiv. Sie beißt auf eine dicke Ket­te, um das metal­li­sche Zaum­zeug zu imi­tie­ren. An einem Punkt schüt­telt sie den Kopf und spuckt die Ket­te aus, als woll­te sie Unge­zie­fer ver­scheu­chen oder wie­hern. Zum Schluss der Kür kratzt Eva sich deut­lich län­ger am Steiß (Abb. 8). Die Sze­ne ist zeit­lich vom Pie­pen des Auf­nah­me­ge­rä­tes zu Beginn und am Ende gerahmt, die­ses Signal wird dies­mal aller­dings erst am Schluss wie­der bewusst, so immersiv ist der Moment.

(Abb. 8)

Mit dem zwei­ten Pie­pen des Auf­nah­me­ge­rä­tes und Evas Wie­der­be­sin­nung berei­tet sich akus­tisch-atmo­sphä­risch ein lan­ges, all­mäh­li­ches Ein­set­zen von Musik vor, das dann in hal­lend-stamp­fen­den Bass hin­ein­wirft (19:32).  Die­se Sze­ne ent­wi­ckelt die mit Zaras Arm­band­uhr in der Kli­nik film­tech­nisch und nar­ra­to­lo­gisch wei­ter. Sie prä­sen­tiert eine wei­te­re Schlüs­sel­sze­ne in Evas Trans­for­ma­ti­on. Als Eva dort auf die blu­ti­ge Arm­band­uhr ihrer Schwes­ter geschaut hat, hat der Film das ers­te Mal eine Ton­brü­cke genutzt, bei der die­ge­ti­scher Ton der Fol­ge­sze­ne zunächst ext­ra­die­ge­tisch wirkt, bis er bild­lich gean­kert wird. Dort war es nur ein leich­tes Wum­mern, das sich dann als ein Pferd in einer mecha­ni­schen Führ­an­la­ge her­aus­ge­stellt hat, doch schon dort dien­te der Ton auch als psy­chisch-emo­tio­na­les Signi­fi­kat. Die jet­zi­ge Sze­ne benutzt wie­der eine sol­che Ton­brü­cke, aber län­ger. Zuerst erscheint wie­der der hal­lend-stamp­fen­de Bass erscheint, wie bei der ers­ten Ton­brü­cke, was der Sze­ne eine beson­de­re Durch­schlags­kraft ver­leiht. Der Bass mit sei­ner lan­gen akus­ti­schen Angriffs­zeit eröff­net einen wei­ten Reso­nanz­raum, in dem Evas Ver­wand­lung kogni­tiv Revue pas­sie­ren kann, und fun­giert damit als eine akus­tisch-soma­ti­sche Pro­jek­ti­ons­flä­che jener Ver­gan­gen­heit und poten­zi­el­ler Zukunft. Deleu­ze und Guat­ta­ri (1992: 326) schrei­ben in Tau­send Pla­teaus, unter dem Kapi­tel Inten­siv-wer­den, Tier-wer­den, Unwahr­nehm­bar-wer­den…, in dem Unter­ka­pi­tel Erin­ne­rung eines Zau­be­rers I, „Beim Tier-Wer­den hat man es immer mit einer Meu­te zu tun, mit einer Ban­de, einem Rudel, einer Popu­la­ti­on, einer Bevöl­ke­rung, kurz gesagt, mit einer Man­nig­fal­tig­keit“. Eva hat zu die­sem Zeit­punkt wohl schon eini­ge Pla­teaus pas­siert. Der Bass erscheint hier wie ein men­ta­ler Raum in dem all die­se Tie­re ent­hal­ten sein könn­ten, und zugleich als Spie­gel des Rea­len mit sei­ner Unzahl an Mikro­ver­än­de­run­gen, die der Kör­per bereits jetzt erfah­ren haben muss. Die­ses Bild wird durch die Auf­de­ckung der Ton­brü­cke in der nächs­ten Sze­ne bekräf­tigt, wo es der Bass in einem Club ist, zu dem eine dunk­le Men­ge eng tanzt.

Der Weg von und zur Selbst­er­mäch­ti­gung ist ein stei­ni­ger, in Piaf­fe eher ein wabern­der. Eine der Bot­schaf­ten des Films ist ohne­hin wohl die nicht­li­nea­re, spi­ral­dy­na­mi­sche Ent­wick­lung sol­cher Cha­rak­ter­t­ra­jek­to­ri­en. In der nächs­ten Sze­ne beob­ach­ten wir Eva in einer Regres­si­on, bei gleich­zei­ti­gem Fort­schritt. In dem Club mit der bass­las­ti­gen Musik und der Hor­de frem­der Men­schen, wirkt Eva sicht­lich unwohl. Zöger­lich bewegt sie sich Rich­tung Bar, um—wie die Per­son vor ihr—einen Vod­ka Shot zu bestel­len (Abb. 9). Doch die Bar­kee­pe­rin ver­steht sie wie­der­holt nicht. Ob es die Musik ist, die zu laut ist, ihr gebro­che­nes Deutsch, das zu unver­ständ­lich ist, oder ihre ver­un­si­cher­te, leicht über­geh­ba­re Kör­per­spra­che. Mehr­fach setzt Eva zum Spre­chen an, doch ihre Wor­te ver­hal­len im Lärm. Sie sind zu unscharf und ihr Umfeld nicht umsich­tig genug.

(Abb. 9)

Plötz­lich schlägt sie auf den Tre­sen EIN VODKA und ver­letzt sich noch an einem zer­split­tern­den Shot­glas (21:20). Die­ser Moment kommt sehr uner­war­tet, das ken­nen wir nicht von Eva, nach außen hin wütend. Für einen sehr schüch­ter­nen Men­schen lässt sich das als Fort­schritt lesen. Gleich­zei­tig ist ihre Bewe­gung dabei sehr abrupt und unko­or­di­niert, ver­kör­pe­rungs­tech­nisch ein Rück­schritt zu ihren bis­he­ri­gen Erfol­gen im Foley. Den­noch, es funk­tio­niert: die Bar­kee­pe­rin scheint irri­tiert-fas­zi­niert. Sie nimmt Evas Hand, leckt ihr das Blut ab, und der Shot ist aufs Haus.

Am nächs­ten Mor­gen wird Eva mal wie­der von einem ana­lo­gen Zeit­mes­ser erin­nert, der durch sein har­tes Ras­seln über die Kom­mo­de tän­zelt, auf­zu­ste­hen. Sowie sie sich erhebt, erlischt das Läu­ten des Weckers. Sie ist wie­der spät dran und nur in einen lan­gen, zer­knit­ter­ten, Bett­be­zug gehüllt. Wenn sie das Bett ver­lässt, sehen wir zum ers­ten Mal ihren Aus­wuchs (Abb. 10).

(Abb. 10)

In die­sem Moment erklingt die zwei­te musi­ka­li­sche Signa­tur von Piaf­fe: schnei­dend-drän­gen­de Gei­gen­stri­che. Die Vio­li­nen sind ein wie­der­keh­ren­des musi­ka­li­sches Ele­ment, so wie die Bäs­se, das die Span­nung und Ambi­va­lenz der Sze­ne und des gesam­ten Nar­ra­tivs akus­tisch beglei­ten. Wie bereits erwähnt, haben Strei­cher eine lan­ge Angriffs­zeit; es han­delt sich um einen kom­ple­xen Klang, der sich erst voll­stän­dig auf­bau­en muss, bis er musi­ka­lisch prä­zi­se koor­di­niert wer­den kann. Die­ses Bild wird oft mit der Ent­fal­tung Evas par­al­lel­mon­tiert. Der Film ist über­all detail­ver­ses­sen, doch die Gei­gen­sym­bo­lik zieht sich beson­ders durch: Eva als ‚zwei­te Gei­ge‘ neben ihrer Schwes­ter, der barock­ver­zier­te Gei­gen­kopf des Instru­ments selbst, die ver­schnör­kel­ten fidd­le­head ferns des Bota­ni­kers, eben­so gebun­den wie Evas Haa­re, und spä­ter, wie ihr Kör­per in den SM-Spie­len.

Ohne gro­ßen Spoi­ler lässt sich sagen, dass Eva zum Schluss des Films auch wie­der eini­ges ver­liert. Der kur­ze Abschnitt aus dem ich haupt­säch­lich ana­ly­siert habe, stellt selbst nur einen Auf­takt des­sen dar.  Evas ‚Angriff‘ zieht noch einen lan­gen Bogen. Am Ende des Films scheint es fast so, als hät­te sie alles wie­der ver­lo­ren und wäre wie­der da, wo sie ange­fan­gen hat. Doch was ich ver­sucht habe zu argu­men­tie­ren ist, dass uns die akus­tisch-rhyth­mi­schen Win­ke des Films eine ande­re Geschich­te prä­sen­tie­ren. Auch wenn die nar­ra­ti­ve Ober­flä­che eine Regres­si­on nahe­legt, bleibt eine irrever­si­ble Erfah­rung: Eva hat gelernt selbst Impul­se zu set­zen, statt nur auf sie zu reagie­ren. Die­se Ver­schie­bung ist nicht spek­ta­ku­lär, aber sie ver­än­dert fun­da­men­tal die Logik ihrer Selbst- und Welt­erfah­rung. Die Bewe­gung beschreibt kei­nen linea­ren Auf­stieg, son­dern eine Spi­ra­le: Wie­der­ho­lung mit Dif­fe­renz. So wie der Film sich seit der ers­ten Sekun­de gegen das oku­lar­zen­tri­sche Regime auf­stellt, so ist auch der Schluss wenig visu­ell spek­ta­ku­lär. Dar­über hin­aus ist es in der letz­ten Sze­ne, in der Eva das ers­te Mal in den Spie­gel schaut (Abb. 11) und qua­si ein neu­es Spie­gel­sta­di­um erlebt (oder ein ers­tes?), um noch ein­mal auf Lacan zurück­zu­kom­men. Es ist ihre Schwes­ter die schein­bar eine kom­ple­xe Quel­le der Unter­drü­ckung in ihrer Ver­gan­gen­heit aus­ge­macht hat, und die wohl, man könn­te behaup­ten, an einem Über­maß des Ima­gi­nä­ren lei­det. Und es ist der Job der Schwes­ter, den Eva lernt und dann auch nicht wie­der her­ge­ben will, da sie hier zum ers­ten Mal Macht und Frei­heit erfährt. Auf alle­go­ri­sche Art und Wei­se zeigt uns der Film dann aber am Ende noch­mal, dass trä­ge Sys­te­me, damit mei­ne ich auch kom­ple­xe sozia­le Bezie­hun­gen und psy­chi­sche Kon­fi­gu­ra­tio­nen, einen long tail besit­zen, das bedeu­tet: Ver­än­de­run­gen und Ein­flüs­se ent­fal­ten ihre Wir­kung oft erst spät, über lan­ge Zeit­räu­me hin­weg, und wir­ken nach, selbst wenn die unmit­tel­ba­ren Ursa­chen längst vor­bei sind—egal in wel­che Rich­tung.

(Abb. 11)

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