Vergessen, um neu zu erinnern 

Judith Schal­an­sky legt mit ihrem Roman »Ver­zeich­nis eini­ger Ver­lus­te« eine lite­ra­risch anspre­chen­de Über­le­gung vor, wie die Ver­gan­gen­heit und das Erin­nern zum neu­en Mög­lich­keits­raum künf­ti­gen Han­delns wer­den.

In sei­nem Opus Magnum Wahr­heit und Metho­de (1960) ent­fal­tet der Phi­lo­soph Hans-Georg Gada­mer sein Ver­ständ­nis von Her­me­neu­tik. Die Her­me­neu­tik ist seit jeher die Leh­re des Ver­ste­hens und somit ein zen­tra­ler Gegen­stand der phi­lo­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit. Ihre zen­tra­len Fra­gen sind: Was ist Ver­ste­hen und wie kann dies über­haupt gelin­gen? Hier­bei hat sich gera­de in Nach­fol­ge zu Gada­mer die Gedan­ken­fi­gur der her­me­neu­ti­schen Spi­ra­le eta­bliert, wobei der Erkennt­nis­pro­zess des Ver­ste­hens anhand der Zeit­lich­keit vor­an­schrei­tet, da man das vor­han­de­ne Vor­ur­teil an einen Text durch die Lek­tü­re bejaht oder revi­diert. Dabei ver­än­dert sich das Vor­ur­teil per­ma­nent, da man den Sinn eines Tex­tes immer ›vor­aus­wirft‹ und die­sen einer­seits bei der Lek­tü­re selbst revi­diert als auch, und dies ist für Gada­mer das eigent­lich Beson­de­re, ihn ander­seits vor allem bei der erneu­ten Lek­tü­re neu for­mu­liert, da man selbst immer ein:e andere:r gewor­den ist. Wir alle ken­nen die­sen Pro­zess, wenn wir einen Text nach Jah­ren wie­der lesen, ver­ste­hen wir ihn ganz neu oder noch­mals von einem ande­ren Aspekt, da sich unser Vor­ur­teil und somit der Sinn, den wir einem Text im Vor­aus geben, ver­än­dert hat. Die Din­ge spre­chen auf eine völ­lig ande­re Wei­se zu uns, da sich unser Blick durch unser neu­es Wis­sen, das, was wir uns tag­täg­lich durch Gesprä­che, Erfah­run­gen, ande­re Lek­tü­ren etc. aneig­nen, in der Zwi­schen­zeit ver­än­dert hat. Doch damit wir einen Text oder auch einen ande­ren Gegen­stand mit neu­en Augen sehen kön­nen, müs­sen wir ihn ver­ges­sen. Gada­mer schreibt dazu:   

Behal­ten und Ver­ges­sen und Wie­der­erin­nern gehö­ren der geschicht­li­chen Ver­fas­sung des Men­schen an und bil­den selbst ein Stück sei­ner Geschich­te und sei­ner Bil­dung. […] Man hat für man­ches ein Gedächt­nis, für ande­res nicht, und man will etwas im Gedächt­nis bewah­ren, wie man ande­res aus ihm ver­bannt. […] Dem Ver­hält­nis von Behal­ten und Sich-Erin­nern gehört in einer lan­gen nicht genug beach­te­ten Wei­se das Ver­ges­sen zu, das nicht nur ein Aus­fall und ein Man­gel, son­dern, wie vor allem F. Nietz­sche betont hat, eine Lebens­be­din­gung des Geis­tes ist. Nur durch das Ver­ges­sen erhält der Geist die Mög­lich­keit der tota­len Erneue­rung, die Fähig­keit, alles mit fri­schen Augen zu sehen, so daß [sic.] das Alt­ver­trau­te mit dem Neu­ge­se­he­nen zu viel­schich­ti­ger Ein­heit ver­schmilzt. (Gada­mer, 1999, S. 21) 

Und die­sen Pro­zess aus Alt­ver­trau­tem, Ver­ges­se­nem, Ver­lo­re­nem, Gefun­de­nem, Erin­ner­tem und Neu­ge­se­he­nem ent­rollt Judith Schal­an­sky mit ihrem Ver­zeich­nis eini­ger Ver­lus­te. Ein Ver­zeich­nis gilt einer­seits der Bestands­auf­nah­me und ander­seits, aber damit auch ein­her­ge­hend, der Memo­ria dar­über, was vor­han­den ist. In Schal­an­skys Werk gilt das Ver­zeich­nis dem, was vor­han­den war, denn es han­delt sich dabei um Ver­lus­te, derer man sich erin­nert und die man durch das Erin­nern auch wie­der her­vor­bringt. 

Bereits die Vor­be­mer­kung weist auf einen Pro­zess hin, der wäh­rend der Arbeit am Buch statt­fand: Unter­schied­li­ches ging ver­lo­ren und kam abhan­den, wäh­rend zugleich auch eini­ges (wieder)entdeckt wur­de. Man den­ke dabei an das Aus­ster­ben von Tier- und Pflan­zen­ar­ten und zugleich die per­ma­nen­te Ent­de­ckung neu­er Arten. Im eigent­li­chen Vor­wort sin­niert die Autorin dann teils im phi­lo­so­phi­schen, teils im anek­do­ti­schen Ton dar­über, was die Erfah­rung des Ver­lusts für den Men­schen bedeu­tet, und kommt so auch zu einer anthro­po­lo­gi­schen Aus­sa­ge: »Am Leben zu sein bedeu­tet, Ver­lus­te zu erfah­ren.« (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 18) Ver­lus­te wer­den erst sicht­bar durch die Kata­lo­gi­sie­rung und Klas­si­fi­zie­rung des­sen, was den Men­schen umgibt. Der Umgang mit der Ubi­qui­tät von Ver­lus­ten inner­halb des mensch­li­chen Lebens ist für Schal­an­sky eine Art »mit dem Tod umzu­ge­hen« (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 16). Hier­bei wird der Ver­lust all­ge­mein eine Hohl­form für eine Erfah­rung, bei der das nicht mehr Vor­han­de­ne sich zum Objekt der Begier­de wan­delt. Ob dem immer so ist, erscheint in den gewähl­ten Bei­spie­len Schal­an­skys frag­wür­dig und ist letzt­lich sub­jek­tiv zu ent­schei­den, da die Rück­kehr des Kas­pi­schen Tigers ver­mut­lich nur bedingt Gegen­stand von mensch­li­cher Begier­de sein kann, aber viel­leicht zen­tral für ein Öko­sys­tem ist. 

Das Vor­ge­hen der Autorin ist bei jedem Lem­ma ihres Ver­zeich­nis­ses gleich: das ers­te Auf­kom­men des Ver­lust­ge­gen­stan­des (die ›Geburt‹), dann der Ver­lust selbst (der ›Tod‹) und im Nach­hin­ein eine aus­führ­li­che, meist per­sön­lich gepräg­te und explo­ra­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Ver­lust­ge­gen­stand im wei­tes­ten Sin­ne. So erfährt man bei­spiels­wei­se, dass der Maler Cas­par David Fried­rich zwi­schen 1810 und 1820 ein Bild vom Hafen sei­ner Hei­mat­stadt Greifs­wald gemalt haben soll, wel­ches 1931 im Zuge einer Son­der­aus­stel­lung im Münch­ner Glas­pa­last durch eine Brand ver­nich­tet wur­de. Ob die nähe­ren Erör­te­run­gen der ein­zel­nen Ver­lus­te auf eine glaub­haf­te Erzäh­le­rin zurück­zu­füh­ren oder die­se nicht viel mehr eine asso­zia­ti­ve Annä­he­rung im frei­en Jäger­la­tein sind, ist gänz­lich nich­tig, da es Schal­an­sky gelingt, in der Aus­ein­an­der­set­zung mit den Ver­lus­ten die­sen einen neu­en Odem ein­zu­hau­chen. So erklingt die Stim­me Armand Schul­t­hess, wel­cher eine Enzy­klo­pä­die im Wal­de im Tes­sin ange­legt hat­te, wel­che dann durch sei­ne Erben auf­ge­löst wur­de. Im inti­men Du wer­den die Lesen­den ange­spro­chen und über das Ord­nungs­prin­zip der Enzy­klo­pä­die auf­ge­klärt und erfah­ren mehr über das Schulthess’sche Leben. Sei­ne umfang­rei­che Samm­lung, sei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt und sein Able­ben erin­nern schnell an lite­ra­ri­sche Figu­ren wie Max Frischs Herr Gei­ser aus Der Mensch erscheint im Holo­zän. Bei­de (Gei­ser und Schul­t­hess) ver­su­chen ihr Wis­sen über die Welt in männ­li­cher (Wald-)Einsamkeit zusam­men­zu­tra­gen und schei­tern letzt­lich dar­an, da kein Wis­sens­zu­griff auf Welt und Natur die eige­ne Sterb­lich­keit besie­gen kann. Viel­mehr wird die Schulthess’sche Enzy­klo­pä­die zum Spie­gel des Schalansky’schen Ver­zeich­nis. Schul­t­hess meint: »Da ist es bes­ser, ihn [den Brief] zu behal­ten. Alles zu behal­ten. Man braucht ja nichts.« (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 262) So meint Schal­an­sky im Vor­wort selbst: »Ein Gedächt­nis, das alles bewahrt, bewahr­te im Grun­de ja nichts.« (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 19) Daher rückt an die­ser Stel­le der Ver­lust und in Fol­ge des­sen auch das Ver­ges­sen in den Vor­der­grund. Denn so »wird doch jedes Wis­sen erst durch Ver­ges­sen erzeugt.« (Ebd.) Indem Schal­an­sky mit ihrem Buch ein Ver­zeich­nis über eini­ge Ver­lus­te erstellt, ent­geht sie einem Tota­li­täts­an­spruch und eröff­net zugleich ein erra­ti­sches Erin­nern an eine Ver­gan­gen­heit, wel­che durch die­ses Erin­nern in einem neu­en Licht erstrahlt:

Wie alle Bücher ist auch das vor­lie­gen­de Buch von dem Begeh­ren ange­trie­ben, etwas über­le­ben zu las­sen, Ver­gan­ge­nes zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, Ver­ges­se­nes zu beschwö­ren, Ver­stumm­tes zu Wort kom­men zu las­sen und Ver­säum­tes zu betrau­ern. Nichts kann im Schrei­ben zurück­ge­holt, aber alles erfahr­bar wer­den. (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 30) 

Indem der nie­der­ge­schrie­be­ne Ver­lust nun neu erfahr­bar wird, wird die Ver­gan­gen­heit, das Ver­ges­se­ne, zum »wah­ren Mög­lich­keits­raum«, denn jede »Zukunfts­vi­si­on [ist] nichts ande­res als eine zukünf­ti­ge Ver­gan­gen­heit« (Schal­an­sky, 2018, Apple Rea­der, S. 22f.). Um die Welt zu ver­ste­hen und mit ihr und in ihr zu agie­ren, zeigt Schal­an­sky auf unter­halt­sa­me, infor­mier­te und anre­gen­de Art auf, dass wir nicht einem Deter­mi­nis­mus der Gegen­wart unter­wor­fen sind, son­dern, und das ist der zen­tra­le Dreh- und Angel­punkt, dass wir der Welt und ihrer Ver­lus­te geden­ken und die­se erin­nern kön­nen. Denn indem »das Alt­ver­trau­te zum Neu­ge­se­he­nen« (Gada­mer, s.o.) wird, eröff­net sich ein spi­ral­för­mi­ger, sich immer wei­ter fort­set­zen­der Pro­zess vom Ver­ständ­nis dar­über, was eigent­lich Mensch, Natur und Welt sein kön­nen. Und dies setzt das Poten­ti­al für eine mög­lich­keits­rei­che und sogar gege­be­nen­falls hoff­nungs­vol­le Zukunft frei, in der viel­leicht sogar Ant­wor­ten auf gegen­wär­tig bren­nen­de Fra­gen durch ein Erin­nern des Ver­ges­se­nen gefun­den wer­den könn­ten. 

Judith Schal­an­skys »Ver­zeich­nis eini­ger Ver­lus­te« 2018 im Suhr­kamp Ver­lag erschie­nen.