Über Jenny Erpenbecks »Dinge, die verschwinden« und was davon bleibt

Die viel­fach aus­ge­zeich­ne­te Autorin Jen­ny Erpen­beck war ver­gan­ge­nen Herbst als Refe­ren­tin der Tübin­ger Poe­tik-Dozen­tur zu Gast an der Uni­ver­si­tät Tübin­gen. Jetzt, wo der Win­ter ver­schwun­den und die Wie­sen wie­der früh­lings­grün sind, lohnt es sich, ein son­ni­ges Plätz­chen auf­zu­su­chen und in Erpen­becks Pro­sa­werk zu blät­tern über »Din­ge, die ver­schwin­den« (2025). Dabei begeg­net einem genau das rich­ti­ge Maß an Nost­al­gie und Zuver­sicht, das so gut zu die­ser Jah­res­zeit passt.

Wenn Din­ge spre­chen könn­ten, hät­ten sie viel zu erzäh­len. Jen­ny Erpen­beck weiß, dass »in jedem noch so ein­fa­chen Ding alles an Wis­sen der Zeit ent­hal­ten ist«. Wenn die Din­ge dann ver­schwin­den, gehen all das Wis­sen und die Geschich­ten mit ihnen. Des­halb braucht es Men­schen, die davon zu erzäh­len wis­sen und auf die Leer­stel­len hin­wei­sen, die zurück­blei­ben.

Es ist ein Glück, dass die­ser Band mit 31 kur­zen Tex­ten, die für eine Kolum­ne der FAZ in den Jah­ren 2007/2008 ent­stan­den, gleich meh­re­re Din­ge auf­fängt, die ein­fach ver­schwun­den oder in der Geschich­te begra­ben wor­den wären – dabei ist die­ses Buch alles ande­re als ein Mau­so­le­um. Von Erin­ne­run­gen, Die­bes­gut, Käse und Socken, über Män­ner, Häu­ser, Müt­ter und Jah­re bis zur Beßre[n] Welt – die Din­ge in Erpen­becks Tex­ten sind leben­dig und der Lauf der Zeit ist ihnen und ihren Über­bleib­seln ein­ge­schrie­ben. Dass es immer irgend­wie wei­ter­geht, wird einem sel­ten so bewusst wie in den Momen­ten, in denen Din­ge ver­schwin­den, von denen man dach­te, ohne sie nicht leben zu kön­nen – sei es ein gelieb­ter Mensch oder eine Lieb­lings­so­cke. Auch wenn die Lücken, die ent­ste­hen, unter­schied­lich groß sind, das Ver­schwin­den ist oft end­gül­tig und es sind die offe­nen Fra­gen, die blei­ben.

Das mit dem Ver­schwin­den ist theo­re­tisch gar nicht so ein­fach zu begrei­fen: Bei Erpen­beck gibt es die lei­se Hoff­nung, »dass das Ver­schwin­den von Din­gen an einem Ort ihr Erschei­nen an einem ande­ren not­wen­dig zur Fol­ge hat« und an ande­rer Stel­le staunt sie dar­über, »dass Luft manch­mal eben­so schwer wiegt wie etwas, das da ist«. Und dann ist es wie­der gut, dass Din­ge ver­schwin­den und sich auf dem Floh­markt vor dem Fens­ter der Autorin sta­peln, weil sie kei­ner mehr haben will, denn Raum ist rar gewor­den. Die jun­gen Leu­te schlen­dern hob­by­mä­ßig durch die Stän­de, dre­hen ein paar Gegen­stän­de in der Hand und neh­men höchs­tens einen ein­zel­nen »oran­ge­far­be­nen Eier­be­cher« mit, den sie dann ver­schen­ken. Die Lee­re ist heu­te ein Zei­chen des Wohl­stands. In Zei­ten des Über­flus­ses ist sie das Mit­tel der Distink­ti­on. Mini­ma­lis­mus ist in, Krem­pel ist out und Bal­last längst nicht mehr nur mate­ri­ell. Die Last der Fül­le und die Lust an Ver­knap­pung for­mu­liert Erpen­beck ganz tref­fend so: »So viel gibt es heu­te zu erben, so viel Erin­ne­rung, kein Mensch hält das aus. So lan­ge ist hier schon Frie­den, daß bil­lig ist, was es gibt, die Lee­re aber bald unbe­zahl­bar sein wird.«

Weil die Lee­re also auch einen Preis hat, selbst auch ein Ding ist, kann sie logi­scher­wei­se auch ver­schwin­den. Erpen­beck erin­nert sich: »Der Him­mel über Ber­lin war immer sehr weit, eben weil unten auf der Ber­li­ner Erde Bom­ben­lü­cken der Wei­te des Him­mels ent­spra­chen.« Dort ent­stan­den dann Plät­ze, dort stank es nach Urin und es war unsau­ber – aber Platz gab es. Vor dem Kin­der­zim­mer­fens­ter der Autorin war sogar mal eine Wie­se auf der Zir­kus­zie­gen gras­ten und der Son­nen­un­ter­gang fünf­hun­dert Meter ent­fernt schien. Ein Unter­neh­men für »Spreng­mit­tel­ent­fer­nung« und ein Gebraucht­wa­ren­la­den haben die Aus­sicht mit der Zeit ver­kürzt »und auf dem drit­ten Stück Unkraut woh­nen schon seit einem Jahr bis in den fünf­ten Stock hin­auf Leu­te in Neu­bau­woh­nun­gen mit gro­ßen Fens­tern«. Viel­leicht ist die Grö­ße der Fens­ter ein Ver­such, den Hori­zont zurück­zu­ho­len, viel­leicht auch eine stra­te­gi­sche Inves­ti­ti­on, damit die Zim­mer­pflan­zen bes­ser wach­sen.

Erpen­becks Tex­te über Split­ter­bröt­chen, Sperr­müll, Öfen und Koh­le sind Refle­xio­nen auf die Ver­än­de­run­gen nach der Wen­de. Die Hei­mat, Ber­lin, ist Schau­platz die­ses Wech­sels der Zei­ten, der sich dort in gedräng­ter Form voll­zieht und sich kon­trast­reich in den All­tags­din­gen wider­spie­gelt. Eini­ge in der DDR unab­ding­ba­re Gefähr­ten win­ken durch die Zei­len hin­durch aus einer längst ver­gan­ge­nen Zeit wie der Trä­ger, der beim Koh­le­han­del auf Kund­schaft war­tet, um die Bri­ketts aus »Schwar­ze Pum­pe« ein­zu­la­den. Schwar­ze Pum­pe heißt jetzt ein Café in der Gegend – mit iro­ni­scher Nost­al­gie für die, die noch Win­ter ohne Zen­tral­hei­zung erlebt haben. Für alle ande­ren gibt’s dort ein­fach Kaf­fee. Split­ter­bröt­chen gibt es zwar noch, in Ber­lin-Mit­te sind es aber nur noch zwei Bäcke­rei­en, die sie so machen, wie sie der Autorin schme­cken: »Ein dich­ter, fast zäher Kuchen­bröt­chen­teig ohne Rosi­nen, die Form weder rund noch eckig, son­dern zusam­men­ge­stü­ckelt, so als habe der Bäcker alle Teig­stü­cke, die übrig waren anein­an­der­ge­klebt und dar­aus irgend etwas Unebe­nes geba­cken.« Nach einem Streit an der Laden­the­ke über die rich­ti­ge Rezep­tur kommt der Autorin das ers­te Mal der Ver­dacht, es gäbe auch Täter, die das Ver­schwin­den von Din­gen absicht­lich her­vor­ru­fen: »Ver­nich­ten, ver­wüs­ten, ver­mau­ern, ver­flu­chen, ver­un­treu­en, ver­ja­gen, ver­der­ben« – auch das sind Facet­ten des Ver­schwin­dens.

Das Buch ist ein Gewinn für alle, die mehr über das Ver­schwin­den wis­sen wol­len und nicht davor zurück­schre­cken, sich zu fra­gen, was ihnen wohl alles schon so abhan­den­ge­kom­men ist. Über das Cover, das seit 2009 trotz Neu­auf­la­ge lei­der nicht ver­schwun­den ist, muss man als Mini­ma­lis­mus lie­ben­der Mensch aller­dings groß­zü­gig hin­weg­se­hen, was den Inhalt des schlan­ken Büch­leins kaum schmä­lert. Erpen­beck fin­det Wor­te – auch deren Ver­schwin­den ist ein Kapi­tel gewid­met – für Din­ge, die sich im Zwi­schen­raum zwi­schen die­ser und der Welt der Ver­schwun­de­nen befin­den. Ihr Auf­wach­sen in Ost­ber­lin und das Blei­ben, nach dem es den Osten so nicht mehr gab, spie­geln sich in ihren Schil­de­run­gen wider. Die Ein­drü­cke sind per­sön­lich, aber nicht per­so­nen­ge­bun­den. So über­rascht es auch nicht, dass zum Schluss, die Autorin selbst auch ein­fach ver­schwin­det – ein dra­ma­ti­scher, aber durch­aus ange­mes­se­ner Abgang. Die Tex­te blei­ben aber erst ein­mal und der Som­mer liegt noch vor uns.