Wir sind uns selbst Gespenster — Kränkung des Narzissmus der Rationalität

„Ob ich schon ein­mal eine Gespens­ter­ge­schich­te erzählt habe? O ja, gewiß– ich habe sie auch noch gut im Gedächt­nis, und will sie Ihnen erzäh­len. Aber wenn ich damit zu Ende bin, dür­fen Sie mich nichts fra­gen und kei­ne Erklä­rung ver­lan­gen, denn ich weiß gera­de nur so viel, wie ich Ihnen berich­te und kein Wort mehr.“

Gespens­ter, Marie Lui­se Kaschnitz

Fra­gen an den Text zu stel­len, mit­hin eine Erklä­rung für das Geschrie­be­ne zu ver­lan­gen, ist oft­mals genau das Ansin­nen der­je­ni­gen, die sich ein­ge­hend mit Lite­ra­tur beschäf­ti­gen wol­len. Die Erzäh­le­rin in Marie Lui­se Kaschnitz Kurz­ge­schich­te Gespens­ter weist die­se Ver­ant­wor­tung jedoch ent­schie­den von sich zurück. Sie begreift sich in der Posi­ti­on, bes­ser Funk­ti­on, als Erzählerin/Autorin, fasst die­se aber wesent­lich als eine ver­mit­teln­de auf. Der Text soll für sich ste­hen. Eine noch grö­ße­re Trag­wei­te gewinnt die­ses Ein­ge­ständ­nis, bedenkt man, dass die Erzäh­lung von einem vor­geb­lich ech­ten Erleb­nis han­delt. Die sich ent­zie­hen­de Kon­trol­le bezieht sich also eigent­lich nicht auf den Text, son­dern auf die Wirk­lich­keit selbst bzw. unse­re Erin­ne­run­gen, mit­hin auf unser stän­di­ges Lesen der Welt.

Damit öff­net die erst­mals 1960 ver­öf­fent­lich­te Kurz­ge­schich­te ein Span­nungs­feld zwi­schen Autor­schaft, fun­da­men­ta­ler Unergründbarkeit/Autonomie des Tex­tes und dem Lesen. Aller­dings ist das viel­leicht wirk­lich erschüt­tern­de die impli­zier­te Dezen­trie­rung des Sub­jekts. Erschüt­tert wird unse­re Gewiss­heit, als ver­nünf­ti­ge Lebe­we­sen in einer ratio­nal struk­tu­rier­ten Welt zu leben; und wenn wir zwar die Natur auch (noch) nicht voll­ends beherr­schen kön­nen, so doch wenigs­tens uns selbst. Unser Sta­tus als ‚Her­ren im eige­nen Haus‘ wird in Gespens­ter wun­der­bar in Fra­ge gestellt. Hier wider­spricht die Wirk­lich­keit auf unauf­lös­ba­re Wei­se unse­rem Nar­ziss­mus der Ratio­na­li­tät und for­dert des­sen Auf­lö­sung.

Die Geschich­te selbst han­delt von einem Lon­don-Auf­ent­halt der Erzäh­le­rin und ihres Man­nes Anton, die eigent­lich auf dem öster­rei­chi­schen Land zuhau­se sind. Im Thea­ter ler­nen sie ein eng­li­sches Geschwis­ter­paar ken­nen, wel­ches Anton selt­sam bekannt vor­kommt, und in deren Haus sie nach Ende der Vor­stel­lung zu viert den rest­li­chen Abend ver­brin­gen. Da Anton dort sein Ziga­ret­ten­etui ver­gisst, müs­sen er und die Erzäh­le­rin am nächs­ten Mor­gen noch ein­mal das Haus der Geschwis­ter besu­chen, fin­den es jedoch ver­las­sen vor. Von der anwe­sen­den Nach­ba­rin erfah­ren sie, dass die Geschwis­ter schon vor eini­gen Mona­ten in Kitz­bü­hel bei einem Auto­un­fall­ver­un­glückt und gestor­ben sind – Antons ver­meint­li­ches Wie­der­erken­nen beruht auf einer dama­li­gen Begeg­nung auf der Berg­stra­ße. Offen­sicht­lich steht hier die Rea­li­tät mit dem Erleb­nis des Vor­abends im Wider­spruch. Die Geschich­te endet jedoch mit einer wei­te­ren Dre­hung: In der Woh­nung der unto­ten Geschwis­ter liegt tat­säch­lich Antons Ziga­ret­ten­etui.

So lau­fen die Erklä­rungs­ver­su­che der Erzäh­le­rin, die zunächst noch auf die Mög­lich­keit hin­weist, dass es sich bei der vor­abend­li­chen Begeg­nung um einen (geteil­ten) Traum gehan­delt haben könn­te, ins Lee­re. Denn wenn schon nicht, wie es der Titel nahe­legt, die Inter­ak­ti­on mit dem Geschwis­ter­paar gespens­tisch ist, da sie not­dürf­tig erklärt wer­den könn­te, so ist es spä­tes­tens das Auf­tau­chen des schib­bole­thi­schen Ziga­ret­ten­etuis. Es bil­det als ‚chif­frier­te Mani­fes­ta­ti­on der Chif­fre als sol­cher‘ – wie es Der­ri­da in Schib­bo­leth. Für Paul Celan for­mu­liert – gewis­ser­ma­ßen das opa­ke Zen­trum der Unauf­lös­bar­keit des Tex­tes. Wor­in genau liegt jedoch das Gespens­ti­sche des Etuis und der Geschich­te, die sich ja als sol­che aus­gibt?

Das Unheim­li­che nach Freud, wel­ches er in der gleich­na­mi­gen Schrift (1919) als Phä­no­men umreißt, meint die Nega­ti­on des Heim­li­chen – was einer­seits als das Hei­mi­sche, also das Ver­trau­te, ande­rer­seits als das Gehei­me, also das Ver­steck­te, ver­stan­den wer­den kann. Damit ist das Unheim­li­che das Auf­tau­chen oder Ein­drin­gen von etwas Frem­dem in der oder in die ver­trau­te Umge­bung. Die­ses Frem­de ist dabei jedoch nicht völ­lig unbe­kannt und könn­te eher als Ent­frem­de­tes bezeich­net wer­den, des­sen Wir­kung sich auf­grund sei­ner eigent­li­chen und vor­an­ge­gan­ge­nen Bekannt­heit ent­fal­tet, womit schließ­lich das Unheim­li­che als die Wie­der­kehr des Ver­dräng­ten zu begrei­fen ist.

Ist nicht eben­je­nes Geschwis­ter­paar, wel­ches Anton ja durch die Begeg­nung in Kitz­bü­hel vage und unbe­wusst bekannt ist, jetzt (zum Zeit­punkt der Erzäh­lung drei Mona­te spä­ter) wie­der auf­taucht und eine star­ke Fas­zi­na­ti­on auf ihn aus­übt, ein sol­ches wie­der­keh­ren­des Ver­dräng­tes? Ähn­lich ver­hal­ten sich Freud zufol­ge Traum­ge­dan­ken, deren vor­der­grün­di­ger Anlass oft­mals flüch­ti­ge und noch nicht recht ver­ar­bei­te­te Ein­drü­cke des Vor­ta­ges sind. Gera­de weil der Traum recht offen­sicht­lich ein Aus­druck des Unbe­wuss­ten ist, wird die Traum­ana­ly­se von Freud als Königs­weg zum Unbe­wuss­ten auf­ge­fasst. Und wie bereits kon­sta­tiert fin­det sich das Traum­mo­tiv auch in Kaschnitz Erzäh­lung wie­der; der­ge­stalt näm­lich, dass auch hier durch ihn das Uner­klär­li­che erklärt wer­den soll. Die Ich-Erzäh­le­rin befin­det sich aber in einer Welt, die in gewis­ser Wei­se zwi­schen Traum und Rea­li­tät schwebt und somit in bei­den nicht recht ver­ort­bar ist: in der Erin­ne­rung.

Die­sen eska­pis­ti­schen Cha­rak­ter und folg­lich das uto­pi­sche Poten­ti­al von Hor­ror und Gru­sel hebt Mark Fisher in sei­nem Essay Das Selt­sa­me und das Gespens­ti­sche (2016) her­vor. Er unter­teilt das Freud‘sche Unheim­li­che in das Selt­sa­me (The Weird) und das Gespens­ti­sche (The Eerie), wobei sich das Selt­sa­me durch die Stö­rung der sym­bo­li­schen Ord­nung – wenn eine Erschei­nung sich also unse­rer Erklär­bar­keit ent­zieht – ein­stellt, und das Gespens­ti­sche ent­we­der durch das Feh­len von etwas, das eigent­lich vor­han­den sein soll­te, oder die Prä­senz von etwas, das eigent­lich nicht vor­han­den sein soll­te, auf­tritt. Der Titel der Erzäh­lung (Gespens­ter) bewahr­hei­tet sich dies­be­züg­lich, inso­fern die Geschwis­ter, die als unheim­li­che Gespens­ter­auf­tre­ten – und im Übri­gen auch mit jenen typi­schen Eigen­schaf­ten (‚bleich‘, ‚blass‘, ‚trü­be‘, ‚fast erlo­schen‘, ‚schläf­rig‘ usf.) beschrie­ben wer­den – eigent­lich nicht mehr dort sein kön­nen, da sie ja schon seit drei Mona­ten tot sind. Auch das Ziga­ret­ten­etui nimmt in gewis­ser Wei­se eine sol­che Rol­le ein, da sein Ver­schwin­den und Auf­tau­chen nur durch das eigent­lich unmög­li­che Erleb­nis des Vor­abends erklärt wer­den kann und so wie­der­um die­ses zu bele­gen scheint.

Damit stellt die neun­sei­ti­ge Kurz­ge­schich­te die Lesen­den durch den geheg­ten Zwei­fel an der Glaub­wür­dig­keit der Erin­ne­rung sowie deren Mani­fes­ta­ti­on in der Rea­li­tät vor einen unauf­lös­ba­ren Wider­spruch, der als Vor­griff der Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart gedeu­tet wer­den kann. Und was ist die Erin­ne­rung ande­res als der Vor­griff der Ver­gan­gen­heit in die Gegen­wart? So wie die längst ver­stor­be­nen Geschwis­ter die Gegen­wart heim­su­chen, wer­den wir all­täg­lich von unse­rer Ver­gan­gen­heit heim­ge­sucht –und nicht zuletzt all­nächt­lich im Traum. Wir erle­ben uns als dezen­trier­te Sub­jek­te, zugleich als Autor:innen und Leser:innen unse­rer selbst, als codiert und chif­friert, als sprach­li­che Wesen und letzt­lich als uner­gründ­lich, unein­heit­lich und uns selbst fremd. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Lite­ra­tur ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit dem schon geschrie­be­nen, dem toten Text, der erst im Akt des Lesens wie­der­be­lebt wird und sich ent­fal­tet.