Was ist ein würdevolles Leben und wo geht die Würde hin, wenn das Leben längst zu Ende ist? – Die Philosophin Lea Ypi stellt sich in ihrem zweiten Familienroman wieder den großen Fragen des Lebens, diesmal widmet sie ihre historische Recherche ihrer Großmutter. Nach dem internationalen Bestseller »Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte« (2022), in dem die Autorin ihre Kindheitserfahrungen im sozialistischen Albanien schildert, erschien im September letzten Jahres bei Suhrkamp ihr neustes Werk »Aufrecht. Überleben im Zeitalter der Extreme« (2025), das die Familiengeschichte väterlicherseits entlang der großen historischen Umbrüche Europas im 20. Jahrhundert nachzeichnet.
Gerade noch stöbert man mit der Autorin durch die digitalisierten Akten des Archivs des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes in Tirana, der Hauptstadt Albaniens, und schon – ein Kapitel weiter – ist man mittendrin in der Geschichte. Mediha Hanim, Ururgroßmutter der Autorin schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Ihr Ehemann, Ibrahim Pascha, ein würdevolles Mitglied der »Hohen Pforte«, des Regierungsrates des Osmanischen Reichs, liegt leblos vor ihr, den Fez noch auf dem Kopf. Gestorben an einer Überdosis Baklava nach tagelangem Fasten. Mediha Hanim ist entsetzt über das Ableben ihres Gatten, aber vor allem auch über das Wie. Sie sieht sich in der Pflicht, die Todesursache ihres verstorbenen Gatten zu kaschieren, denn als hochrangiger Beamter verdiene er ein würdiges Ende, das seinem Leben Rechnung trägt – oder das zumindest nicht seinen schwachen Magen entblößt. Sie überzeugt den Arzt, als Todesursache den imposanten, lateinischen Fachbegriff Infarctus myocardii acutus zu protokollieren. Das Herz ist schließlich das ehrenvollere Organ. Und so ist es im Ableben des Paschas doch wieder seine Ehefrau, die seine Würde posthum sichert.
Lea Ypi macht sich auch Gedanken über die Würde ihrer Großmutter, Leman Ypi. Als die Autorin im Internet zufällig auf ein ihr bislang unbekanntes Foto stößt, das ihre Großeltern auf Sonnenliegen liegend vor einem Hotel in den italienischen Alpen zeigt, ist sie irritiert. Das Foto wurde im Jahr 1941 aufgenommen und zeigt das junge Paar auf ihrer Hochzeitsreise in Cortina, »der glücklichste Ort auf Erden«, wie ihre Großmutter stets erzählte. So glücklich wie in den Beschreibungen wirken die beiden auf dem Foto dann aber doch nicht und Ypi beginnt, die positiven Schilderungen ihrer Großmutter über ihren Urlaub während dieser Hochphase des Zweiten Weltkrieges zu hinterfragen. Ohnehin passe eine solche Ignoranz ihrer Großmutter gegenüber dem Weltgeschehen nicht zu dem »Bild von ihr als einer Heiligen«. Dennoch will die Autorin Leman diese kurze Zeit des Glücks rückwirkend nicht absprechen – »vormittags Ski, nachmittags Bridge, abends Tanz« – denn das schöne Leben sollte für das frisch verheiratete Paar nur von kurzer Dauer bleiben. In der öffentlichen Kommentarspalte unter dem Foto auf Social Media wird über die Verwandtschaft der Autorin mit den Abgebildeten spekuliert und darüber, ob Leman ein Opfer der «kommunistischen Monster« oder doch eine »faschistische Kollaborateurin« gewesen sei. Das Paar wird gelobt und beschimpft und auch die Autorin kommt nicht ohne Beleidigungen davon. Persönlich fühle sie sich nicht angegriffen, schreibt Ypi, aber ihre Großmutter wolle sie »von der Last der Vorwürfe (…) befreien«.
Ypi erzählt in ihrem Roman von ihrem eigenen Schreib- und Rechercheprozess, von inneren Konflikten und dem Bedürfnis, die Vergangenheit ihrer Großmutter in eine erzählbare Ordnung zu bringen. Die Deutungshoheit über ihre Geschichte möchte sie nicht dem Geheimdienst des sozialistischen Albaniens, der in der Nachkriegszeit Akten über Leman Ypi und ihren Ehemann anlegte, oder irgendwelchen Fremden im Internet überlassen. Gleichzeitig zweifelt die Autorin immer wieder an ihrem Vorhaben und fragt sich: »Wie kann ich Autorität über ein bereits gelebtes Leben beanspruchen, selbst wenn es mit meinem eng verbunden war?« Dazu kommt, dass die Fakten, wie so oft, nicht für sich selbst sprechen, sondern Ypi sich durch das Archivmaterial selbst einen Weg bahnen muss, auf dem sie mit Lücken und Widersprüchen konfrontiert wird. Der akademische Hintergrund der Autorin, die eine Professur für Politische Theorie an der London School of Economics innehat, prägt ihr Vorgehen, wobei sie selbst oft zwischen der Rolle als Wissenschaftlerin und der Position der Angehörigen hin- und hergerissen ist. Aus den Fäden der Erinnerungen, dem Archivmaterial und ihren Nachforschungen an den Handlungsorten der Geschichte spinnt Ypi ein Werk, das zwischen Sachbuch und Familienroman, zwischen erzählerischen, fiktiven Passagen und Recherchebericht oszilliert. Das Persönliche scheint durch die Brocken der Geschichte hindurch und den Leser:innen wird klar, wie fragmentarisch oft die Überbleibsel und wie empfindlich das Erzählen von Geschichte wirklich ist.
Leman Ypi wurde 1918 geboren, kurz vor dem Untergang des Osmanischen Reichs. Sie erlebte fast alle großen Umbrüche des 20. Jahrhunderts und bekam den Wechsel politischer Systeme und Machtverhältnisse am eigenen Leib zu spüren. Das persönliche Interesse am Leben ihrer Großmutter verwandelt die Autorin geschickt in eine strukturelle Parabel über das individuelle und gesellschaftliche Leben angesichts der großen politischen Krisen des letzten Jahrhunderts.
Die Schauplätze der Erzählungen, Saloniki (heutiges Griechenland), wichtiges Handels- und Kulturzentrum zur Zeit des Osmanischen Reichs und Tirana, Hauptstadt von Albanien, spiegelten das Geschehen ganz Europas wider. Das meint zumindest Lemans Ehemann, Asllan, im Roman. Der Anwalt und in jungen Jahren begeisterte Philosoph und Theoretiker fragt sich während des Zweiten Weltkriegs mit wachsender Hoffnungslosigkeit, wann eigentlich alles angefangen hatte, schief zu laufen: »Seit der Invasion der Faschisten? Seit Zogus Aufstieg zur Macht? Seit Albaniens Unabhängigkeit? Nein, Albanien spielte keine Rolle. Selbst in Friedenszeiten waren Albaniens Probleme die Probleme der Welt gewesen, wenn auch weniger gut verschleiert.« Mit den Konflikten, die Ypi aus verschiedenen Perspektiven schildert, werden die Ambivalenzen sichtbar, die der Deutung von Geschichte zugrunde liegen. Sie beschreibt die Verwirrung, die sie während ihrer Recherche überkommt und das Chaos, dem die Figuren immer wieder ausgesetzt sind: Willkürliche Grenzziehungen und Nationalitätszuschreibungen und ihre weitreichenden Folgen, die feinen, aber bedeutsamen Unterschiede zwischen Begriffen wie »Befreiung« und »Invasion«, zwischen »Legalität« und »Legitimität«, zwischen Reform und Revolte – Themen, die über die Geschichte hinausreichen und deren Diskussion nie an Aktualität verliert.
Mit einer widerständigen, trotzigen Sprache, die die Würde stets verteidigt und die drastischen Wechsel der Szenerien und Schauplätze bildstark wiedergibt, lässt die Autorin die Akteur:innen der Geschichte wieder aufleben und macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt – die innere Auseinandersetzung der Individuen mit den Umständen ihrer Zeit. Dabei ist sie den Figuren und sich selbst gegenüber nicht unkritisch, doch ihr Drängen, die wahre Geschichte ihrer Großmutter zu erzählen, ist größer als ihre Zweifel an der Umsetzbarkeit. Diese Wahrheit muss dann, basierend auf dem Mosaik aus Nacherzählungen und historischen Fakten, streckenweise eben auch imaginiert werden. Die Akte des Staatssicherheitsdienstes aus der Zeit des sozialistischen Albaniens über Leman Ypi ist gewissermaßen ein Glücksfall, denn „Frauen [in den Archiven] zu finden, ist sehr schwer.“ – dass der Autorin zum Schluss zwei Akten vorliegen, die jeweils unterschiedliche, sich widersprechende Fakten enthalten, ist wiederum hinsichtlich der Suche nach der wahren Geschichte ein Unglück. Doch auch wenn die Gewissheit ausbleibt oder vielleicht gerade deshalb, gelingt Ypi eine aufrichtige Erzählung über das Persönliche in der Geschichte, das so häufig unangetastet bleibt.